11. Impuls - Die Goldadern des Glaubens

Eva Krumnacker, 24.03.2024

Sophias Interview mit Sarah von der Seenotrettung hat mich berührt. So viele Menschen, die tagtäglich ihr Leben aufs Spiel setzen in der Hoffnung auf eine friedvolle Zukunft. Menschen wie du und ich. Sophia hat am Anfang ihres Impulses gemeint, für sie ist die wichtigste Botschaft des Christentums „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.

Lassen wir uns diese Aufforderung auf der Zunge zergehen. Jeder Mensch ist wichtig und wertvoll. Du bist genauso wichtig, wie dein Nächster. Daher liebe und wertschätze alle Menschen gleichermaßen. Das ist für mich eine Goldader des Glaubens. Diese Botschaft durchzieht das Christentum und führt uns direkt zu Jesus. Denn es ist seine Aufforderung an uns. Diese Kernbotschaft hält unsere Religion u. a. am Leben. Unter all den Scherben, die wir in den letzten Tagen genauer betrachtet haben, pulsiert sie immer noch: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wenn ich mir die Unstimmigkeiten im Christentum, Missbrauchsskandale und Beschlüsse, die sich für mich anfühlen, als würden wir rückwärts gehen, ansehe, ist da eine Kirche in Scherben. Aber die Goldader des Glaubens hält diese Scherben wie bei Kintsugi zusammen. Ich sehe die Teetasse vor mir, die zerbrochen ist, aber durch goldene Spuren trotzdem zusammenhält. Und wenn ich so nachdenke, sind da noch mehr Goldadern des Glaubens.

Daher frage ich dich:

Was ist für dich in deinem Glauben so richtig wertvoll?

Wo sind die Goldadern des Glaubens?

Für mich sind es die Schätze, die unter Skandalen und Aussagen der Kirche bei denen ich nicht mitgehen kann, versteckt sind. In einer katholischen Kirche, die in Scherben liegt, ist es gar nicht so einfach, immer wieder die Schätze neu zu entdecken.

Aber da sind diese Goldadern, die immer noch pulsieren und zum Herz des Christentums führen. Jesus.

 

Das ist dieses Gefühl, wenn wir „wo ich auch stehe“ gemeinsam im Kapellchen singen.

Wenn auf der Nacht des Heiligtums alle gemeinsam die „Kleine Weihe“ beten.

Wenn andere lästern und ich nicht mitmache.

Wenn eine Freundin für mich und meine Anliegen betet.

Wenn ich für einen Freund bete.

Wenn Nächstenliebe untereinander gelebt wird.

Wenn wir an Weihnachten die Weihnachtsgeschichte lesen.

Wenn über eine Million junge Menschen ihren Glauben gemeinsam feiern.

Im August 2023 durfte ich mit der Schönstattjugend auf den Weltjugendtag nach Lissabon reisen. Über eine Million junge Menschen aus der ganzen Welt sind in Portugal zusammengekommen. Von Kanada über Kolumbien, Südkorea und das Königreich Tonga (das liegt übrigens hinter Neuseeland) waren Menschen aus der ganzen Welt da. Die Atmosphäre war faszinierend. So viele Kulturen, die auf ihre Weise ihren christlichen Glauben und ihre katholische Kirche feiern. Man stelle es sich wie eine große Party vor oder auch ein enormes Familientreffen.

In vielen Momenten habe ich Goldadern des Glaubens neu entdeckt.

 

Diese Freude und Begeisterung für Jesus.

Die Verbundenheit untereinander über Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede hinweg.

Der Moment, wenn alle in der Anbetung ganz still sind und sich auf Jesus konzentrieren.

Die Offenheit vieler Menschen, neue Gesichter kennenzulernen und der herzliche Umgang miteinander.

 

Nicht alles am Weltjugendtage war glänzend. Das möchte ich nicht verschweigen. Ich habe mich bei einer Predigt von einem deutschen Bischof aufregen müssen, dessen Aussagen ich unangebracht fand. Wüste Beschimpfungen auf eine Teilnehmerin mit Regenbogenflagge haben mich schockiert. Ich wurde mehrfach geschubst, als der Papst in seinem Papamobil vorbeigefahren ist (Da vergessen einige Menschen wirklich alles). Die Botschaft „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ konnte ich in diesen Momenten nicht finden.

Aber dennoch habe ich in diesen zwei Wochen in Portugal viele Goldadern des Glaubens pulsieren sehen. Das Christentum ist lebendig. Und ich kann durch mein Auftreten, meine Offenheit und Einstellung dazu beitragen, dass die Goldadern sichtbar werden.

Das sind für mich die Goldadern, die immer noch pulsieren. Die manchmal versteckten Schätze. Und auch irgendwie das, was mich immer wieder zusammenflicken kann, wenn ich in Scherben liege. Was ich an unserer Religion so schätze? Die Nächstenliebe steht im Zentrum des Christentums. Und wenn ich mich daran orientiere, kann ich die Goldadern sichtbar werden lassen.

An eurer Liebe zueinander wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger[innen] seid. (Johannes 13,35)

Was für ein Schatz.